Montag, 17. April 2017

Gutes Brot - nicht nur in der Not


2016 feierte meine Heimatregion Rheinhessen ihren 200. Geburtstag. Zur Feier des Jahres riefen die Gartenführer zu einer Aktion auf, im Garten zu zeigen, wie es vor 200 Jahren ausgesehen haben könnte und was damals den Alltag bestimmte.
Die Aktion lief unter dem Namen:
Das Rheinhessenquadrat - Gärten 1816/2016

40 Gärten haben mitgemacht und seit Anfang 2017 gibt es im


Blog der Gartenführer Rheinhessen

einen Rückblick auf dieses spannende Jahr:

Hier kann man nachlesen, was sich engagierte Gartenbesitzer zum Thema einfallen haben lassen.


Die Vorbereitungen zu meinem Rheinhessenquadrat begannen schon im Winter 2014/2015. Zunächst musste ein Thema gefunden werden. Da fielen mir diese zwei Bücher in die Hände:



"Das Hungerjahr" von Heinrich Bechtolsheimer aus Wonsheim in Rheinhessen.
Anhaltender Regen von Mai bis Oktober, verbunden mit Kälte, Schnee und Hagel zerstörte die Ernte und die ohnehin leeren Getreidespeicher lösten eine Hungersnot aus.

Ähnliches wird auch im Buch: 1816 - Das Jahr ohne Sommer, von Sabine Kaufmann beschrieben. In der Geschichte "Der Pfarrer" wird erzählt, wie in der Not des Jahres 1816 das erste Kartoffelbrot entstand.

Beide Bücher berichteten also von einem Jahr mit vielen Entbehrungen und schon bald stand für mich fest: Ich wollte in meinem Rheinhessenquadrat von der Hungersnot 1816 erzählen! 

Der Plan war folgender: auf vier quadratischen Beeten sollten Getreide, Kartoffeln, Brotgewürzpflanzen und Kräuter für ein gutes Butterbrot angepflanzt werden. Als begeisterte Hobbyköchin wollte ich Rezepte von vor 200 Jahren ausprobieren und meinen Gästen anbieten. 
Denn in meinem Garten sollte keine Hungersnot ausbrechen ...


Mein Rheinhessenquadrat im April 2016:
Beet Nr. 1 mit Küchenkräutern - u.a. für eine Kräuterbutter nach einem Rezept aus dem 19. Jh.

Ins Beet Nr. 2 kamen traditionelle Brotkräuter.

Ins Beet Nr. 3 wurden alte Kartoffelsorten gepflanzt. Die älteste Sorte die ich finden konnte war "La Ratte", gezüchtet gegen Ende des 19. Jh.

In Beet Nr. 4 wuchs ein kleiner Getreideacker mit Weizen, Getreide, Dinkel und 
Getreideacker-Begleitpflanzen heran.

Das Beet wurde umrahmt mit Schnittlauchpflanzen.
 
Brotteiggewürze:

Fenchel- und Koriandersamen.  
Kümmel und Anis sind 2 jährig.
Sie werden im August gesät und können 1 Jahr später geerntetwerden.

Informationen wie man vor 200 Jahren gepflanzt und gekocht hat, habe ich mir ebenfalls aus Büchern geholt. Ganz wichtig waren mir die Kochbücher und das Gartenbuch von Henriette Davidis aus dem 19. Jahrhundert. Ihre Bücher sind eine wahre Fundgrube über das Leben in Haus und Garten der damaligen Zeit.

Henriette Davidis - nachzulesen bei Wikipedia

Während meines Experimentes musste ich bald erkennen, dass es gar nicht so einfach war, Getreide und Kartoffeln im Garten, ohne moderne Pflanzenschutzmittel anzubauen. Der Frühling 2016 war kalt und nass - das Getreide bekam Getreiderost und die Kartoffeln litten unter Kartoffelfäule. 



 Auch wenn aus dem Getreide nichts wurde - 
das "Unkraut" sah im Beet prächtig aus.

Anders als die Menschen im Jahr 1816 musste ich aber nicht hungern und konnte auf das Angebot im Lebensmittelmarkt zurückgreifen.


*** 


2016 kamen viele Besucher, die sich die Geschichten aus dem Jahr 1816 anhörten. 



Oft hörte ich den Satz: 
"Meine Oma/mein Opa haben das auch noch so gemacht!".   



Manchmal mussten wir vor einem Gewitter unter den Dachvorsprung flüchten - und manchmal fühlten wir uns dabei wie in einer Geschichte aus dem Jahr 1816. Zum Glück schneite es aber nur Blüten.



Einmal brachte mir eine Besucherin Samen von einer uralten Wintersalatsorte mit, dem "Mombacher Winter". Sie hatte erfahren, dass ich auf der Suche nach alten regionalen Gemüsesorten war. Riesig habe ich mich auch über eine Frau gefreut, die zufällig aus dem gleichen Ort im Ruhrgebiet angereist kam, aus dem meine "Koch- und Gartenbuchautorin" Henriette Davidis stammte.  

Ein besonderes Highlight war auch eine uralte Ausgabe des Buches das mir eine Besucherin mitbrachte:


"Praktisches Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche 
Mit besonderer Berücksichtigung
der Anfängerinnen und angehenden Hausfrau"



Solche und andere Geschichten aus dem "Jahr mit dem Rheinhessenquadrat" sind Erinnerungen mit Gänsehautfaktor.


  
Ich danke nochmal Allen für ihr Kommen und ihr Interesse! Es war ein wunderbares "Offene-Gärten-Jahr".

Auch in diesem Jahr gibt es wieder die  
Tage der offenen Gärten und Höfe
und wir öffnen an folgenden Tagen:

Samstag und Sonntag, 13. und 14. Mai, 10 bis 18 Uhr
Freitag, 21. Juli, Blaue Stunde in den Gärten, 18 bis 23 Uhr
Sonntag, 17. September,  10 bis 18 Uhr
 Wir freuen uns auf Euer Kommen! 

***
Rezepte aus dem 19. Jahrhundert,

die wir nachgekocht haben und bei Führungen angeboten haben.
   
Kräuterbutter nach Henriette Davidis

Rezept Nr. 74


PS: Ich habe 200g Butter genommen und je ein EL Petersilie, Schalotten und Kerbel dazugegeben. Außerdem habe ich nur den Abrieb einer Zitrone zugefügt, weil die Butter sonst zu wässrig geworden wäre. Besonders schmeckt mir die Zugabe von Muskatnuss in der Kräuterbutter.

Kartoffelbrot

Im Buch "1816 - das Jahr ohne Sommer" erfindet einj Pfarrer das Kartoffelbrot. Dabei ersetzte er fehlendes Getreide durch Kartoffeln.




Mein Kartoffelbrot-Baguette 

(ergibt 2 Brote):



400 g Kartoffelbrei

Hefeteig:

100 ml lauwarme Milch

1 Hefewürfel

1EL Honig

500g Weizenmehl Typ 405

1 TL Salz, 1 TL Brotgewürz

50g warme Butter

warmes Wasser nach Bedarf

1 Apfel, geschält und gerieben. 



Hefe in die Milch bröckeln, mit einem kleinen Schneebesen verrühren und ca. 20 Minuten gehen lassen.

Mehl und Kartoffelbrei, Butter, Hefemilch, Salz, geriebener Apfel und Brotgewürz in eine große Schüssel geben und mit der Hand kneten. Soviel Wasser dazugeben, dass der Teig sich gut verarbeiten lässt und nicht an den Händen klebt. Den Teig ca. 1/2 Stunde an einem warmen Ort gehen lassen. Nochmals kneten und 2 Baguette-Laibe formen. Nochmals an einem warmen Ort gehen lassen bis die Laibe deutlich aufgegangen sind. Das dauert nochmal ca. 1/2 Stunde.

Im Ofen bei 180° ca. 1 Stunde backen. 



Brotgewürz:


Samen von Koriander, Anis, Fenchel und Kümmel zu gleichem Anteil. Eventuell noch Chilischoten. Im Mörser mörsen oder Mixer fein mahlen. 



Wiesbadener Brot


Es auch ein süßes Brot. Ich habe die Anrgung in einer privaten Rezeptsammlung aus dem 19. Jh. gefunden.  Das Wiesbadener Brot ist ein sogenannter Haddekuchen, ein Gebäck aus Hessen, das aber auch in Rheinhessen Tradition hat und in Bingen und Alzey heute noch gebacken wird.



Rezept für "Haddekuchen"

Im "Wiesbadener Brot" aus dem 19. Jh. wurde lediglich 1 Tl Zimt als Gewürz verwendet und der Kakao wurde weggelassen. 
Schmeckt frisch lecker mit Marmelade.

Viel Spaß beim Nachkochen!

Kommentare:

Miuh hat gesagt…

Ein beeindruckendes und spannendes Experiment! Schon oft habe ich gedacht, welches Glück wir haben, dass wir nicht vom eigenen Garten leben müssen... Wenn mir - wie so oft - keine Ernte gelingt, kann ich im Laden einkaufen gehen und wir werden trotzdem satt. Wie schwierig muss das erst im "Jahr ohne Sommer" gewesen sein, als das Wetter überall so schwierig war!? Und wie würde sich eine solche Situation heute weltweit auswirken? Liebe Grüsse und danke fürs Zeigen, Miuh

Claudia hat gesagt…

Liebe Anne,
erst einmal frohe Ostern für dich.
Dein Blogbeitrag hat mich sehr berührt. Ich finde deine Ideen wunderbar und nachvollziehbar.
Ich glaube gerne, dass viele Leute daran interessiert waren.
Ich finde es bemerkenswert, dass du die "alten Traditionen aufrecht erhält, bzw. neu belebst.
Ich wüsste gar nicht wo man solch alte Kartoffelsorten her bekommt, lach.
Danke auch für die Rezepte. Die Butter und das Brot werden bestimmt mal von mir nachgemacht.

Ein wunderbarer Beitrag, herzlichen Dank für all die Mühe und Liebe.

Herzlichst, Claudia

Sigrun Hillsidegarden hat gesagt…

Das hast du so schön geschrieben! Ich kenne nur die Hildegardkekse. Kartoffelbrot mache ich auch. Ich glaube, wir wissen gar nicht mehr, wie gut wir es haben, alles zur Hand zu haben, niemand Hunger haben muss.

Sigrun

Margeraniums Gartenblog hat gesagt…

Ein spannendes Experiment! Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass heute zumindest bei uns niemand mehr hungern muss!
Viele Grüße von Margit

Karen Heyer hat gesagt…

Du hast meine Hochachtung dafür, das Du alles so rechtzeitig und gründlich vorbereitet und an diesem tollen Projekt mitgewirkt hast. Nach dem Kochbuch werde ich mal Ausschau halten, das interessiert mich.
Liebe Grüße
Karen

braunelle hat gesagt…

Weißt Du, daß ein Vulkanausbruch in Indonesien 1815 diese Hungersnot nicht nur in Deutschland verursacht hat?
Liebe Grüße
Braunelle

Sisah vom Fließtal hat gesagt…

Toll, wenn Offene Gärten offenbar schaffen sich abzusprechen und unter ein gemeinsames Motto zu stellen, auch wenn ein übergeordneter Anlass der Auslöser war. Das Buch über die durch den Vulkanausbruch ausgelöste Eiszeit habe ich auch gelesen. Es gibt noch ein zweites mit dem gleichen Thema...'Tambora...und das Jahr ohne Sommer. Aber die Folgen von klimabedingten Wandel spüren wir auch heute (noch)...die aktuelle Migration hat durchaus etwas damit zu tun.Hungern müssen auch heute noch Menschen auf der Erde...Desertifikation und Wassermangel finden sich durchaus vor der "Haustür".... und nicht nur in Afrika ( z.B. in Spanien).
Ganz direkt betreffen die Spätfröste und das frühe Austrieb der Obstblüten auch mich und meinen Garten ...auch eine Folge des Klimawandels.
Dennoch toller Beitrag mit interessanten Rezepten. Dankeschön!
LG Sisah

Birthday Return Gifts For Kids hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Rumpelkammer hat gesagt…


da hast du dir viel Arbeit und Mühe gemacht

ein spannendes Experiment

ja..früher gab es oft große Hungersnöte
aber auch heute durfen wir nicht all zu sicher sein
dass wir immer unser tägliches Brot bekommen können

liebe Grüße
Rosi

Astrid Ka hat gesagt…

Eine großartige Idee, Geschichte im Garten deutlich werden zu lassen! Auch wenn alles nicht hundertprozentig geklappt hat - das kommt der Realität ja auch nahe!
Ob dass dann auch geht, es nachzustellen, wenn wir mal keine Bienen mehr zur Bestäubung haben werden ( nur mal so eine Idee für eine Zukunftskatastrophe )?
LG
Astrid

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