Donnerstag, 5. Januar 2012

Alltag nicht alltäglich - z.B. Kohl

Vor ein paar Tagen bekam ich eine Mail. Es war ein Gruß zum neuen Jahr und die Verfasser ließen mich an ihren schönen Erlebnissen des vergangenen Jahres teilhaben.
Sie verrieten z.B. welches Buch ihnen im letzten Jahr gut gefallen hat oder welche Musik sie gerne hörten. Ein schöner Ausflug, was zum Lachen, ein eigenes Filmchen übers Tanzen.
"Schätze teilen", nannten es die Absender. Das hat mir sehr gut gefallen und ich dachte, das ist absolut nachahmenswert!

Aber letztendlich ist Bloggen ja genau das Gleiche: auch wir teilen uns mit, was wir erlebt haben und woran wir Freude hatten. Vor fast genau vier Jahren habe ich damit angefangen: am 21. Januar 2008 veröffentlichte ich meinen ersten eigenen Blogbeitrag. Die Überschrift lautete:


Und ich habe noch immer Lust und Freude daran, die schönen Dinge meines Alltags mitzu-teilen .

Im Jahr 2011 habe ich die Kalenderblätter eingeführt. Ich habe sie sehr gerne gemacht, jedoch ist es für mich schwierig geworden, immer zu einem bestimmten Zeitpunkt ein ganzes Sammelsurium an Ideen zusammenzustellen. Und so beschloss ich, diese Rubrik in diesem Jahr zu streichen. Stattdessen will ich lieber ein bisschen aus dem Alttag erzählen.

Synonyme für alltäglich sind: nichts besonderes, durchschnittliches, langweilig ...
Dabei können alltägliche Dinge doch so spannend sein! Rotkraut z.B.!

****************

Alltag nicht alltäglich
... zum Beispiel Rotkraut


"Rotkraut bleibt Rotkraut und Blaukraut bleibt Blaukraut".
Ich stehe in der Küche und rühre das Gemüse in meinem Kochtopf. Leise und in Gedanken probierte ich für mich den alten Zungenbrecher aus.



Rotkraut - Blaukraut, ist das nicht das gleiche? Ich stelle die Temperatur kleiner und schaue bei Wikipedia nach:

"Der Rotkohl ändert seine Farbe je nach pH-Wert des Bodens. In sauren Böden erscheint er eher rot, in alkalischen Böden dagegen bläulich. Je mehr Essig oder andere Säuren (z. B. durch Zugabe von Äpfeln) beim Kochen dazugegeben werden, ein desto deutlicheres Rot hat das Gericht. Durch diese lokalen Zubereitungsformen erklären sich die unterschiedlichen Bezeichnungen Rotkraut oder Blaukraut."

Aha: je saurer desto mehr Rot!


Im Süden heißt es Rotkraut und im Norden Rotkohl - erfahre ich weiter. Dabei ist die Farbe des Rotkohls oder Rotkrauts gar kein richtiges Rot! Und Blaukraut ist auch nicht richitg blau. Dieser Kohl ist eher lila. Aber der Begriff "Lila" exisierte im Mittelalter noch nicht. Er kommt aus dem arabischen und man kennt ihn in der deutschen Sprache erst seit dem 18. Jahrhundert.

Was man so alles beim Kochen lernen kann! Und dabei wollte ich nur das Gemüse verarbeiten, das ich neulich eingekauft habe. "Rotkraut ist ein typisches Wintergemüse, ist reich an Eisen, Mineralstoffen, Anthocyanen (sekundärer Pflanzenstoff/Pflanzenfarbstoff / Radikalfänger / Stärkung des Immunsystems / Entzündungshemmer), Zucker und Senfölen. Das Gemüse besitzt wenig Kalorien, aber viele Balaststoffe (Quelle immer noch Wikipedia".

"Arabisch" war mein Stichwort! Ich habe doch noch so viele Gewürze im Schrank. "Ich werde mir mein eigenes arabisches Rotkrautgewürz zusammenmixen". Gesagt, getan!

Mein arabisches Rotkrautgewürz

Im Prinzip, weiß ich, was zusammenpasst. Da wäre auf jeden Fall Zimt! Und Nelken, Piment. Ein kleines Experiment könnte nicht schaden.

Granatapfelpulver. Der süß-saure Geschmack könnte gut passen. Davon nehme ich einen ganzen Eierbecher voll. Weiter noch
1/2 Zimtstange
5 schwarze Kardamomsamen
je 10 Wachholderbeeren und 10 Nelken
1 Stück getrocknete Chilischote
je 1/2 Eierbecher Piment und Korianderkörner
Muskatnuss und Pfeffer frisch gerieben bzw. gemahlen
und 1/2 Becher grobes Salz - in diesem Fall Himalaysalz. Mit ihm lassen sich die Gewürze gut mörsern.

Alleine schon wegen des nicht alltäglichen Geruchserlebnisses werden alle ganzen Gewürzkörner in der trockenen Pfanne angebraten.

Und dann geht's mit dem Salz ab in den Mörser. Hmm - das Dufterlebnis erreicht seinen Höhepunkt.

Wenn alles zerkleinert ist, kommt noch Pfeffer, Muskat und das Granatapfelpulver dazu.


Nun brauche ich noch ein ein nicht alltägliches Rezept:

Rotkrautauflauf mit Rosmarin-Sesam-Frischkäse-Soße

Rotkraut auf gewohnte Art kochen oder so:

800 g Rotkraut, fein gehobelt, 2 Zwiebeln, fein gehackt, 2-3 TL Rotkrautgewürz (siehe oben), Salz, 250 ml Rotwein, 2 EL Butter, 3EL Pflaumenmus oder schwarzer Johannisbeergelee.

Butter in einem großen Topf erhitzen und Zwiebeln glasig dünsten. Rotkraut dazugeben. Gewürze einrühren, mit Wein ablöschen. 20-30 Minuten leise schmurgeln lassen. Überschüssige Brühe abgießen, Gelee oder Mus einrühren, nachwürzen.
Abkühlen lassen. Noch eine Geschmacksprobe: Hmm, das Experimentieren mit den Gewürzen hat sichauf jedem Fall gelohnt!
(Und wenn's schnell gehen soll nimmt man ein Glas Rotkraut).

Der Auflauf
250 g saure Sahne, 2 Eier einrühren. Eine Quiche-Form mit Butter bestreichen und das Gemüse reingeben. Mit
50 g geriebenen Käse und 2 EL Sesam bestreuen.
Im vorheizten Backofen bei 180° 35 Minuten backen.

In der Zwischenzeit die kalte Soße zubereiten:

2 Zweige Rosmarin, feingehackt. 3 EL Sesam, 1 EL Olivenöl, 2 Knoblauchzehen, fein gehackt. 100 g Frischkäse, 100 g Joghurt, Salz, Pfeffer.

Rosmarin in Öl anbraten, Sesam und Knobi dazugeben. Kurz rösten und abkühlen lassen. Restliche Zutaten einrühren und in den Kühlschrank stellen.


Der Kräuter- und Gemüsekenner und BuchautorWolf-Dieter Storl verglich einmal den Kohl mit einem Hund. Einst kam das dickblättriges einfache Unkraut zu den Bauern der Steinzeit. Und genauso wie der Hund sich nach den Wünschen des Menschen verwandelte, so tat das auch der Kohl und wurde im Laufe der Zeit zum Kohlrab, Blumenkohl, Brokkoli, Grünkohl, Rosenkohl, Rotkohl, Wirsing, Weißkohl usw. Als Hundebesitzer gefällt mir diese Vorstellung natürlich sehr gut.

Trotz oder gerade wegen der Veränderung ist der Mensch dem Kohl treu geblieben und so landet er immer noch im Kochtopf.
Herzliche Grüße majoRahn

Kommentare:

Akaleia hat gesagt…

Ein toller Post, liebe Anne!
Da könnte ich gerade mal von kosten... :)
HG
Birgit

stadtgarten hat gesagt…

Da hätte ich jetzt auch Appetit drauf, klingt lecker!
Liebe Grüße, Moni

MarieSophie hat gesagt…

Das scheint ja megalecker zu sein, muss ich mal probieren. Wenn Dein Wortspiel zu einfach wird versuche es mal mit Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid. Da bleibe ich schon beim Schreiben hängen.
L.G. Marie

Meggy hat gesagt…

das hört sich ja gut an und schmeckt bestimmt super lecker. Rotkraut überbacken habe ich auch noch nicht gegessen.
Sehr inspirierent!
Liebe Grüße
Meggy

Lis hat gesagt…

Köstlich, nicht nur der Beitrag, sondern auch das Rezept! Obwohl, morgens um kurz vor neun Uhr steht mir der Sinn noch nicht nach Blau- bzw. Rotkraut :-)

LG Lis

Brennesselkraut hat gesagt…

Super Beitrag - Wissenswertes rund um´s Blaukraut inkl Rezept und "lila" :-)

Wurzerl hat gesagt…

Liebe Anne, erst einmal wünsche ich Dir noch alles Gute zum Neuen Jahr, spät, aber nicht anders möglich, im der Dom.Rep. durfte ich keinen Kommentar hier hinterlassen, die Spam-Filter des Hotels waren zu heftig.
Warum hat mich jetzt dieser Post von Dir so an den Gewürzbazar von Istanbul erinnert??? Egal, bei mir bleibt trotzdem:
Blaukraut, Blaukraut und Brautkleit Brautkleid. kicher

LG Renate

seelenruhig hat gesagt…

Wunderwunderbar, dieses Rezept. Ich habe im November-Dezember auch viel mit Blau-Rot-Krau-Kohl experimentiert und die arabische Richtung auch für mich entdeckt. So lecker. Die Gäste möchten es auch sehr undkeine will mehr Blaukraut aus dem Glas essen! Lecker ist auch die Beigabe von Maroni. Das gibt eine ganz tolle Note!

Ich freu mich auf ein alltäglich-spannendes Blogjahr mit dir!

ganz liebe Grüße von Ellen

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