Donnerstag, 18. November 2010

majoRahn's Semperecke Nr. 17

Das Glück zieht ein


Irgendetwas muss ja dran sein, sonst würde ein Brauch nicht hunderte von Jahren überleben!
Für Sempervivumfreunde ist es keine Neuigkeit mehr, dass Karl der Große schon im frühen Mittelalter empfahl, Dachwurz auf das Dach zu pflanzen.
Gemeint ist Sempervivum tectorum und mein Wörterbuch der botanischen Namen hat mir verraten, dass tectorum 'auf dem Dach wachsend' heißt.
Jedes Sempervivum-Sammler-Kind weiß, dass die Menschen glaubten vor Blitz geschützt zu sein, wenn auf dem Dach Dachwurze wachsen würden. Dieses Wissen saugt es praktisch mit der Sempervivum-Sammlerin-Muttermilch ein. Am Johannistag – so kann man es in den Überlieferungen nachlesen – sammelte man Hauswurzrosetten vom Dach, die man bei Gewitter zusammen mit *Palmkätzchen ...
(*Weidenkätzchen, die am Sonntag vor Ostern, dem Palmsonntag, in der Kirche geweiht wurden)
... im Ofen verbrannte. Das sollte Unglück fernhalten. Und wo das Unglück verb(r)annt wurde, zog das Glück ein.
Ich weiß nicht wann genau die Semperviven vom Dach auf die Torpfosten umgezogen sind, denn noch heute sieht man in manchen Gegenden immer noch wunderschöne alte, aber auch moderne Sockel, auf denen der Brauch weiterlebt.
Die nun „auf Torpfosten wachsende“ winken immer noch das Glück zum Haus herein.
Schaut selbst, was ich auf meinen Reisen ins Elsaß fotografiert habe.


















Beim Fotografieren war es mir manchmal ein bisschen mulmig zumute. Was wäre, wenn plötzlich ein Hund käme und mich mit dem Briefträger verwechseln würde (und mir ins Bein beißen würde ...). Oder wenn der Hausbesitzer käme und mich mit Schimpf und Schande davon jagen würde. Das habe ich zumindest geglaubt, als sich während des Fotografierens plötzlich ein Tor öffnete und der Besitzer des Hauses heraustrat.

Aber der Mann war sehr freundlich. Er lud mich kurzerhand in sein Haus ein. Und was ich dann sah, verschlug mir den Atem!


Es war überwältigend, was der Mann mit seiner Frau über Jahre hinweg auf Flohmärkten zusammengetragen hat. Alles stand fein säuberlich geputzt, geordnet und beschrieben vor mir. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus!

Wieder zuhause angekommen, habe ich mich gleich mal in meinem Dorf umgeschaut, ob es die Tradition des „Torpfosten-Glücks“ auch noch bei uns gibt. Und tatsächlich, ich bin fündig geworden:

Ich möchte diese Semperecke aber nicht schließen, ohne die beiden Fahrer zu erwähnen, die mit mir die Augen offen hielten um mich auf das Glück aufmerksam machten. Sie bremsten immer, wenn ich „Stop!“ rief. Manchmal drehten sie sogar eine Sonderrunde, wenn wir am Glück vorbeigefahren sind.
Herzlichen Dank Mr. Myrtill und an meinen mir Anvertrauten.

Kommentare:

Ida - Garten-Keramik hat gesagt…

Aber hallo, so viele Hauswurzen! Du, ich liebe sie ja auch - mittlerweilen, aber was du uns da jetzt erzählt hast, das wusste ich wirklich nicht. Seeehr interessant und noch interessanter die hauswurzbepflanzten Türpfosten.
Liebe Grüsse! und einen wunderbaren Tag wünsche ich dir
Ida

Hillside Garden hat gesagt…

Sehr beeindruckend! Ich werde umgehend eine Stelle suchen, wo ich unten (Pfosten haben wir keine) welche neben den Briefkasten pflanzen werde.

Schöner Bericht!

Al

Aiko macht sich Gedanken hat gesagt…

Hallo liebe Anne, ich bin sprachlos.....kein Wuff mehr - es lebe der Hauswurz - Du hast solch´wunderbare Fotos mitgebracht und die Legenden, die sich um ihn ranken, spannend erzählt. Beeindruckend, was so alles fein säuberlich gesammelt wurde. Deine Reise war ganz sicher für Dich und den "Anvertrauten" ein Glücksfall....Wunderbar!!
Wuff und LG
Aiko

rosenresli hat gesagt…

Das sieht toll aus, vor allem der Rundtorbogen mit den Semperviven! Selbst habe ich einige Semperviven in Eisenurnen. Auch bei uns im Örtchen habe ich schon Torpfosten und Kapitelle mit Semperviven bewachsen gesehen und bei manchen frage ich mich, wie sie sich eigentlich darauf halten können. Jedenfalls sind die Fotos wunderschön!
Da ich nahe am Elsass wohne und gerne Ausflüge dahin unternehme, werde ich das nächste Mal die Augen danach offen halten,

Liebe Grüße aus dem Schwarzwald,
Tanja

Elke hat gesagt…

Hallo liebe Anne,
das sind wirklich schöne Aufnahmen. Schade, dass wir gar keine Torpfosten haben, nur einen Holz- bzw. einen Drahtzaun. Aber ich werde mir im kommenden Jahr trotzdem neue Sempervivenplätze suchen müssen, denn das Steingartenbeet ist bald voll. - Das mit den Hunden ist meinem (damals noch nicht)Mann und mir vor vielen Jahren in Spanien passiert. Wir kamen an einem Haus vorbei, das mit vielen Terracottamasken geschmückt war. Damals schon begeisterte Fotografin war ich natürlich eifrig am Bilder machen, als der Besitzer samt Hunden auf uns losstürmte, wütend auf uns einschrie und wohl ankündigte, er würde seine Hunde auf uns loslassen, wenn wir nicht verschwinden würden. Uns schlug das Herz bis zum Hals und natürlich haben wir auf der Stelle kehrt gemacht. Die riesigen "Köter" bellten wie rasend hinter uns her. Das werde ich nie vergessen.
Lieben Gruß
Elke

Lis hat gesagt…

Schöner Brauch, auch wenn er meiner Meinung nach Unsinn ist! In der Stadt gibt es ja kaum noch Torpfosten und wenn, dann sind sie oben nackig. :-)

LG Lis

Sibylle hat gesagt…

wirklich eine beeindruckende sammlung an sempervivenphotos. klasse !

Babara hat gesagt…

Mir gefällt diese Geschichte rund um die "glückbringenden" Semps. Dass sie vom Dach auf die Türpfosten "umgestiegen" sind, kann ich noch nachvollziehen (das Dach ist doch etwas hoch zum Pflanzen ;-) !¨). Schade, dass wir keine Türpfosten haben, sonst hätte ich sie gleich mit Semps bestückt...
Sei lieb gegrüsst,
Barbara

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