Mittwoch, 18. November 2009

Bäume in Rheinhessen - Pyramidenpappel

Oft wird behauptet, daß es in Rheinhessen keine Bäume gibt.
Zugegeben, die spezifischen Bodenverhältnisse und das niederschlagsarme Klima mit trockenheißen Sommern und milden Wintern prägen den Steppencharakter dieser stellenweise monoton wirkenden, agrarisch genutzen Landschaft sehr. In einer solchen bin ich aufgewachsen. Bin jeden Tag mit dem Bus kilometerweit durch "Ackerwüste" zur Schule gefahren.
Seit über 25 Jahren lebe ich nun keine 10 km vom Ort meiner Kindheit entfernt, aber hier sieht die Gegend anders aus. Hier gibt es neben Zuckerrüben- und Getreideäcker auch sanfte Hügel auf denen Weinberge wachsen. Ein Bach schlängelt sich entlang von Wiesen und speist eine Sumpflandschaft die in unserer Gegend seltene Vögel anzieht. Ihnen verdanken wir, dass das Gebiet hinter unserem Garten zum Naturschutzgebiet erklärt wurde.
In einer kleinen Reihe möchte ich über Bäume erzählen, die in meiner Heimat wachsen und denen ich begegne, wenn ich mit unseren 2 Hunden spazieren gehe.

Der erste Baum, den ich vorstelle, ist die Pyramidenpappel (Populus nigra 'Italica')
Baum-Gruppe an der Selz

Man hat das 1. Exemplar dieser schmalen Pappelart erstmals in der 2. Hälfte des 18. Jh. in der Lombardei/Italien gesichtet.
Nach Rheinhessen kam diese Pflanze, als man die Aufmarschstraßen Napoleons Anfang des 19. Jh. mit Pyramidenpappeln säumte. Man nennt sie deshalb auch manchmal noch Napoleon-Pappel. Leider gibt es von diesen Zeugen der Geschichte kein einziges Exemplar mehr, denn der Baum wird nicht sehr alt. Bereits mit 40 Jahren kann das Holz brüchig werden und es besteht Einsturzgefahr.

... Einsturzgefahr
Wenn ich mit den Hunden dieses alte Gebäude erreicht habe, ist unser Spaziergang fast zu Ende. Die Pappeln hinter der Scheune (es sind zwei dicht beieinanderstehende Exemplare) makieren bereits die östliche Grenze unseres Grundstückes.
Die Pyramidenpappel kann bis zu 30m hoch werden. Mit ihrem schlanken Wuchs erinnert sie an eine Zypresse aus dem Mittelmeerraum. Daher der Name Rheinhessenzypresse.
Inzwischen sind wir zuhause angekommen. Man sieht die beiden Bäume aus dem vorigen Bild am Eingangtor zum Garten. Sie sind ein Überbleibsel von der Flurbereinigung aus den 70ger Jahren. Damals hatte man die Bäume noch gerne am Wegesrand gepflanzt, weil man schnell zu einem Ergebnis - sprich zu einem stattlichen Baum - kommen wollte. Heute werden sie wegen ihrer kurzen Lebenszeit kaum noch gepflanzt.
Die westliche Grenze zum Garten.
Der Blick fällt auf eine Gruppe von Schwarzpappeln (Populus nigra)
von denen die Pyramidenpappel eine Varietät ist.
Die gleiche Gruppe zu einer anderen Jahreszeit

Der schöne Blick auf diese Pappelgruppe, der mir bisher mein ganzes Gartenleben vergönnt war, wird bald der Vergangenheit angehören. Jetzt im Winter, wo die Blätter gefallen sind, werden die ganzen Schäden "meines Wäldchens" sichtbar. Aber auch im Vergehen haben die Bäume noch Schönes zu bieten: ein Zunderpilz hat sich am Stamm angesiedelt.Für unsere Pappeln am Tor sieht es nicht gut aus. Auch sie haben ihr Alter erreicht. Aber noch darf ich mich an ihnen erfreuen. Noch immer sind sie ein Sammelplatz für die vielen, vielen Stare, die sich hier zusammenfinden, wenn sie in den Weinbergen keine Trauben mehr finden. Von diesen beiden Bäumen, ziehen sie in Richtung Süden weiter.

Und im Winter ruhen hier die Krähen aus. Und wenn man ihrem Gekrächze zuhört, ist es, als würden sie Geschichten aus einer Zeit erzählen, in der wünschen noch geholfen hat.

Kommentare:

Lis hat gesagt…

Du hast wirklich eine Gabe mit offenen Augen durch die Natur zu streifen. Ich mach das ja auch ab und zu, nur habe ich dann in den seltensten Fällen die Digi mit!
Bei uns an der Tauber wachsen auch sehr viele Pappeln, aber sooooo genau hab ich sie jetzt noch nie betrachtet. Sie sind halt einfach da! :-)

LG Lis

Neuer Gartentraum hat gesagt…

Bei uns am Flussufer wachsen auch viele Pappeln, allerdings kann ich die Unterarten nicht bestimmen. Leider besteht das Problem, dass die älteren Pappeln von innen her faulen. In diesem Herbst mussten wir uns von mehreren grossen Exemplaren trennen. Nach dem Fällen der Bäume hatte sich das ganze Ortsbild verändert.
LG Anette

Naturwanderer hat gesagt…

Ein schöner, lehrreicher Bericht über Pappeln, denen auch ich bisher keine große Beachtung geschenkt habe.
Ihr Rauschen hat mich zwar immer wieder begeistert, beim Schließen der Augen habe ich mich als Kind dann immer in eine Märchenwelt versetzt. Einmal war es Meererauschen, dann wieder einmal der starke Wind, der mich mit sich schweben lies.....
Es gibt soo vieles zum Entdecken, Zeit sollte man sich nehmen, ich tue es auch.
Einen schönen Sonntag wünscht Edith

Sisah hat gesagt…

Eine schöne Idee, uns mitzunehmen bei Deinen Hundespaziergängen.So lerne ich auch ein wenig die vegetationskundlichen Gegebenheiten einer Gegend kennen, in der ich bisher noch nicht war!
Beim Stichwort `Pappel`fällt mir dieser Sprechgesang ein:
Klotz, Klotz, Klotz am Bein, Klavier vorm Bauch, wie lang ist die Chaussee,
links `ne Pappel, rechts ´ne Pappel
in der Mitte ´nen Pferdeappel...
vielleicht stammt dieses Marschlied ja noch aus der Zeit als Pappeln noch Alleebäume waren.
LG
Sisah

guild-rez hat gesagt…

Pappeln haben wir in unserer Gegend selten, bewundere daher Deine Fotos. Auch der Zunderpilz verdient Beachtung, sehr schoenes Exemplar.
Das alte Haus mit dem Ziegeldach..
braucht sicher mehr als einen neuen Farbanstrich:-)
Herbstspaziergänge sind sprituelle Wanderungen für jeden Naturliebhaber. Was man heute sieht, ist morgen vergangen.
LG Grüsse zum Sonntag.
Gisela

Akaleia hat gesagt…

Wunderschöner Beitrag, liebe Astrantia - vor allen Dingen man lernt immer was Neues: Napoleon-Pappel - das hatte ich vorher noch nie gehört.
Ja, bei den Pappeln hat wohl jeder so seine "Geräuscherinnerung", liebe Edith, kann ich gut nachvollziehen.
LG Birgit
P.S. Der Satz von Gisela: "Herbstspaziergänge sind spirituelle Wanderungen...." hat mir besonders gut gefallen.

Karla Kotelett hat gesagt…

Ich hab aber noch was gesehen! Nicht nur Pappeln - sondern Muskatellersalbei. Hat mir meine Mama beigebracht.
Schöne Bilder hast du gemacht, Mama würde auch gerne mit einem Hund spazieren gehen.

Karla

Aiko macht sich Gedanken hat gesagt…

Hallo liebe Anne,
wenn ich so auf die Fotos in aller Ruhe schaue, werde ich ganz still, es erinnert mich an meine Kindheit bei meinem Großvater und dort den großen Baumhof und den Bauerngarten - einen Teich - der war riesengroß mit Trauerweiden und vor allem mit Pappeln, die - so weiß ich - damals schon sehr alt waren und er sprach immer davon, dass die jetzt wohl leicht beim Sturm umfallen könnten. Ein Trauerweide fiel - aber die Pappeln wurden alle gefällt.
Sehr interessant - ich lerne immer wieder neue sehr schöne Namen und Arten kennen.
Einen ruhigen 1. Advent Dir und allen Zwei- und Vierbeinern
Wuff und LG
Aiko und sein Frauchen Annemarie

HaBseligkeiten hat gesagt…

...solche Beiträge könnte ich stundenlang ;) lesen, da spür ich eine große Liebe zu den "Riesen die Erde und Himmel verbinden"
Danke Dir, Heidi

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